***** Neil Diamond wollte immer mehr sein als der bloße Hitlieferant. Es genügte ihm nicht tolle Lieder zu schreiben und exzellente Alben abzuliefern. Er hatte höheres im Sinn. Er sagt einmal: „Ich träume nicht davon, George Gershwin zu sein. Ich träume davon, Beethoven, Tschaikowski und Robert Frost zu sein. So viel glaube ich nämlich musikalisch leisten zu können.“ Diese musikalischen Ambitionen wollte er wohl mit dem Album „Jonathan Livingston Seagull“, der Soundtrack zu dem gleichnamigen Film von Hall Bartlett, in die Tat umsetzen zu wollen. Mit über 100 Musikern (ein großes Symphonieorchester unter der Leistung von Lee Holdridge sowie exzellente amerikanische Studiomusiker) und einem großen Chor entstand ein Album, das gleichermaßen fasziniert als auch irritiert. Entsprechend waren die Reaktionen auf dieses Album. Die Fans fanden es schlichtweg genial, während ein Großteil der internationalen Musikkritiker es als ein aufgeblähtes Stück Größenwahn abkanzelten. „Jonathan Livingston Seagull“ ist eine eher zwiespältige Angelegenheit. Einerseits fasziniert es, aber anderseits wird man den Verdacht nicht los, daß Neil Diamond mehr wollte, als sein kreatives Potential eigentlich zuließ. Zwei Stücke sind überragend und zwar „Be“, das als Leitmotiv mehrfach auftaucht, und „Lonely Looking Sky“. Sowohl „Be“ als auch „Lonely Looking Sky“ wurden auch als Singles veröffentlicht, erreichten in den US-Charts nur mittelprächtige Plazierungen und konnten sich auch international nicht recht durchsetzen. Den Namen Neil Diamond verband man halt mit hitparadentauglichen Liedern wie „Cracklin‘ Rosie“, „Sweet Caroline“, „I Am...I Said“ oder „Song Sung Blue“ und nicht mit anspruchsvoller Musik (obwohl seine Musik der vergangenen Jahre vom Anspruch her schon weit über dem gängigen Durchschnitt war). Die Musik von „Jonathan Livingston Seagull“ fließt sanft, teilweise mit einem Übermaß an Pathos versetzt dahin. Und genau hier liegt da eigentliche Problem. Obwohl „Jonathan Livingston Seagull“ eigentlich ein sehr schönes Album ist, wirkt es doch streckenweise etwas überladen. Trotzdem nimmt es aufgrund seiner Originalität eine Sonderstellung in seinem Gesamtwerk sein. Allerdings dürfte es nur für echte Fans von Interesse sein. Die werden dieses außergewöhnliche Werk allerdings mögen.
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