****** 1975 war ein ziemlich laues Rockjahr, fast noch öder als 1974. Supergruppen wie Pink Floyd, Led Zeppelin oder Yes hatten nach wie vor große Erfolge oder waren in Auflösung begriffen wie etwa Deep Purple. Musikalisch brachten sie nichts mehr neues, statt dessen übertrumpften sich mit immer aufwendigeren Bühnenshows. Selbst interessante Newcomerbands wie Queen konnten sich diesem Trend nicht entziehen. Wie gut, daß es zu diesem Zeitpunkt Manfred Mann’s Earth Band gab. Zwar gab es auch von dieser Gruppe keine musikalischen Neuerungen, sie machte sich aber die Mühe, ihre Musik sehr abwechslungsreich und attraktiv zu gestalten. Musikalisch konnte man sie nur schwer einordnen, machten Manfred Mann, Mick Rogers, Colin Pattenden und Chris Slade weder Hard- noch Heavyrock und mit abgehobenen Artrock a la Yes hatten sie auch nichts am Hut. Der Allrounder Manfred Mann hatte sich einfach bei den Stilmitteln der Rockmusik der vergangenen Jahre bedient und so einen eigenen, unverwechselbaren Stil geschaffen. Das im August 1975 veröffentlichte „Nightingale & Bombers“ war das bereits sechste Album der Gruppe und das vierte Meisterwerk nacheinander. Es machte keinen Unterschied, ob die Gruppe nun Eigenkompositionen oder Fremdmaterial spielte – als klang wie aus einem Guß. Wie so vieles in der Karriere des Manfred Mann, so sind es auch auf „Nightingale & Bombers“ die Fremdkompositionen, die die Höhepunkte darstellen. Da ist zunächst „Visionary Mountain“ von der damals noch nahezu unbekannten Joan Armatrading. Sie hatte das Lied zusammen mit ihrer damaligen Gesangspartnerin Pam Nestor bereits 1972 auf dem Album „Whatever’s For Us“ (dieses Album ist ein Geheimtip!) veröffentlicht. Was in der knapp über 2 Minuten langen Originalversion schon sehr schön klingt, gerät bei Manfred Mann’s Earth Band in der fast dreifachen Länge zu einem kleinen Meisterwerk. Für mich gehört „Visionary Mountains“ zu den besten Stücken, die die Earth Band je eingespielt hat. Das gleiche gilt auch für Fremdkomposition Nummer 2 „Spirit In The Night“, eine Nummer des damals ebenso wie Joan Armatrading nahezu unbekannten Bruce Springsteen. Was im Original von Bruce Springsteen nett anzuhören ist, geriet bei Manfred Mann zu einem Meisterwerk. Manfred hat das sehr schöne Lied optimal arrangiert und wirklich das Letzte herausgeholt. Überhaupt schien er in Bruce Springsteen einen neuen Favoriten für sich entdeckt zu haben, denn in den nächsten Jahren coverte er immer wieder ein Stück des Amerikaners. Seine Adaptionen diverser Springsteen Titel sind fast noch besser als die von Bob Dylan (und die sind zum Teil schon herausragend). Als die Earth Band Anfang 1977 mit „Blindet By The Light“ (bekanntlich auch eine Nummer aus der Feder des Boß‘) einen Nummer 1 Hit in den USA landeten konnte, veröffentlichte Manfreds amerikanische Plattenfirma kurzerhand „Spirit In The Night“ als Nachfolgesingle, die im Frühjahr 1977 in den Staaten immerhin noch ein mittelprächtiger Hit war. Die restlichen Stücke auf „Nightingale & Bombers“ („Countdown“, „Time To Right“, „Crossfade“, „Nightingale And Bombers“, „Fat Nelly“ und das live eingespielte „As Above So Below“) bieten einmal mehr kompositorisch als auch handwerklich exzellenten Rock mit allerlei kleinen Schnörkel, der sich vielleicht nicht beim ersten Anhören erschließt, der aber letztendlich ziemlich zeitlos ist. Wäre ein Großteil der Rockgruppen jener Zeit so zur Sache gegangen wie Manfred Mann mit seiner Earth Band, der Urknall des Punks hätte wohl nie stattgefunden und der Discosound wäre Ende der 70er Jahre nicht zur Welle ausgeufert. |